Hallo und willkommen zurück zu “Volrath und Gerrard”, wo ich mir Geschichten aus der Commander Community anschaue, bei denen vielleicht nicht ganz klar ist, wer das eigentliche Problem am Tisch war. Heute habe ich wieder eine Einsendung von einer Leser*in bekommen, die sich nicht sicher gewesen ist, ob sie der Volrath am Tisch war. Falls ihr auch Geschichten habt, die ihr mir schicken möchtet, dann könnt ihr das sehr gerne tun. Das geht einfach als Kommentar unter meinen Artikeln, als DM über Social Media oder über Discord. Doch genug der Vorrede, kommen wir zur heutigen Geschichte. Und in der geht es um eine Überraschung mit Folgen.

Die Geschichte

Hallo Ove,

Ich lese schon seit einiger Zeit deinen Blog und mag, wie du schreibst. Besonders gut haben mir deine “Volrath oder Gerrard” Geschichten gefallen und darum dachte ich mir, schreibe ich dir meine Geschichte. Sie liegt schon ein wenig zurück, doch ich denke, dass sie dadurch nicht weniger relevant ist.

Ich spiele seit einiger Zeit Commander und habe eine feste Spielgruppe. Wir treffen uns alle paar Wochen Sonntags und starten relativ früh, damit wir auch ein paar Spiele schaffen. Ich spiele am liebsten Boros Decks, in denen es um Ausrüstungen geht. Mein derzeitiger Lieblings-Commander ist Kellan Feenblut. Doch zur Zeit, in der die Geschichte spielt, hatte ich noch ein Koll der Schmiedemeister Deck. Ich verliere sehr häufig, weil meine Gruppe sich sehr auf meine Liebe für Ausrüstungen eingestellt hat. In jedem Spiel wird entweder eine Vandalenrandale oder ein Abschied gesprochen, was sich ziemlich mieß anfühlt. Ich meine, man gewöhnt sich natürlich daran, aber manchmal ist es schon ziemlich frustrierend. 

Nachdem ich gefühlt einen Monat jedes Spiel in unserer Gruppe verloren hatte, hatte ich genug. 

Koll war ursprünglich einer der Ausrüstungs-Commander, die ich nicht gebaut habe, weil es sehr leicht ist, mit ihm eine unendliche Kombo zu basteln. Denn er bringt jede ausgerüstete Kreatur, die stirbt auf meine Hand zurück. Ich brauche also nur eine Kreatur, die kein Mana kostet und eine Ausrüstung wie die Beinschienen des Blitzes, die keine Ausrüstungskosten haben. Dann kann ich die Kreatur opfern, so oft ich will und auf die eine oder andere Art das Spiel gewinnen. Das Deck ist also ein Ausrüstungsdeck, dass aber auch mit Kombos gewinnen kann.

Es kam der nächste Sonntag und ich habe als erstes mein Bruenor Heldenhammer Deck gespielt. Die Spiele liefen ungefähr so gut wie erwartet. Erst kam im Zug 6 ein Nüchterner Befehl, der meine ganzen Ausrüstungen und meinen Commander abgeräumt hat. Dann zwei Züge später der Abschied. Den Rest des Spiels war ich im Prinzip nur noch damit beschäftigt, ein bisschen mein Board aufzubauen und wurde schließlich von einer Welle Token überrannt.

Im zweiten Spiel habe ich dann mein Koll Deck ausgepackt. Das war eine ziemliche Überraschung für meine Freunde, denn zu dieser Zeit war der Commander noch sehr unbekannt. Normalerweise reden wir immer etwas über unsere Decks, besonders, wenn sie neu sind. Doch bei Koll bin ich sehr bewusst vage geblieben und habe etwas in die Richtung gesagt: “Ist ein Ausrüstungs Deck. Aber eins mit einer Überraschung.”

Wir haben also alle gemischt und unsere Handkarten angeschaut und mir war klar, dass ich dieses Spiel auf jeden Fall gewinnen würde. Ich kann mich nicht mehr genau erinnern, welche Decks meine Freunde gespielt haben, aber das ist auch echt nicht so wichtig. Meine Hand bestand aus einem Sonnenring, einer Boros Petschaft, einem Ornithopter, einem Shuko und einer Sprengstation und zwei Ländern. 

Im ersten Zug habe ich ein Land, den Sonnenring und die Petschaft gelegt. Im zweiten Zug kam das zweite Land, mein Commander und die Sprengstation ins Spiel. So konnte ich in meinem dritten Zug Shuko und den Ornithopter spielen und meine Kombo zünden. Jetzt konnte ich den Ornithopter erst mit dem Shuko ausrüsten und dann in die Sprengstation opfern. Der Ornithopter ist auf meine Hand gekommen und ich konnte einen Schadenspunkt verteilen. Dann hab ich den Ornithopter wieder ausgespielt, die Sprengstation ist wieder enttappt und das ganze Spiel ging von vorne los.

Dass das Spiel so schnell enden würde, auch für mich eine Überraschung. Aber ich kann nicht sagen, dass ich mich nicht darüber gefreut habe. Meine Freunde waren allerdings weniger begeistert. Noch weniger begeistert waren sie, als ich für das nächste Spiel mein Deck nicht wechseln wollte. Warum hätte ich das auch tun sollen? Endlich hatte ich eine Möglichkeit, auch mit meinen Ausrüstungsdecks zu gewinnen und das wollte ich in vollen Zügen genießen. 

Ich hab das Deck noch zwei weitere Male gespielt und beide Spiele gewonnen. Die Spiele waren nicht so schnell vorbei wie das erste, allerdings war ziemlich klar, dass die Decks meiner Freunde einfach keine Gegner für Koll waren. Besondere Genugtuung hatte ich, als ich in Reaktion auf einen Abschied meine Kombo zündete und das Spiel gewinnen konnte. Dafür hatte ich den Schimmernden Myr, die Leoniden-Shikari, einen Erpresser vom Hafen, ein Mycosynth-Gitter und eine Maske der Verbrennung im Spiel. Klingt sehr kompliziert, aber durch diese Kombination hat der Erpresser sehr viele Schätze gemacht.

Nach diesem Spiel hat einer meiner Freunde sich geweigert, noch einmal gegen mein Koll Deck zu spielen. Das Deck sei zu stark, er hat keine Lust, jedes Spiel gegen eine unendliche Kombo zu verlieren und außerdem sei das kein Ausrüstungsdeck. So hat er sich kein Deck mit einer “Überraschung” vorgestellt. Die anderen beiden haben ihm beigepflichtet und so war ich gezwungen, wieder auf eines meiner anderen Decks zu wechseln. Ich hab kein weiteres Spiel an diesem Sonntag gewonnen.

Am Ende des Tages hat einer meiner Freunde mir noch gesagt, dass er nie wieder gegen Koll spielen will und das ging mir dann doch zu weit. Ich habe ihm gesagt, dass Koll das erste Deck ist, mit dem ich in diesem Monat überhaupt eine Chance gehabt habe. Und wenn er nicht mehr gegen Koll spielen möchte, dann möchte ich auch nicht mehr gegen Artefakt Board Wipes spielen. Die ganze Diskussion wurde ziemlich hitzig und ich glaube, an diesem Tag sind wir alle etwas betreten nach Hause gefahren. Jetzt ist meine Frage an dich: War ich der Volrath in dieser Geschichte? War es falsch, auch mal gewinnen zu wollen?

Ich bin sehr gespannt auf deine Meinung. MfG,

xxx

Erste Einschätzung

Noch einmal vielen Dank für deine Geschichte. Leider ist es eine, wie ich sie in Varianten schon oft gehört habe. In gewisser Weise lässt sie sich mit der von letzter Woche vergleichen, auch wenn die Perspektive eine andere ist. Es kann sehr frustrierend sein, wenn man das Gefühl hat, dass man zu unrecht im Fokus steht. Und das passiert leider sehr viel häufiger, wenn man mit einer bekannten Playgroup spielt. Man bekommt zwangsläufig ein Gefühl dafür, was die Vorlieben der anderen Personen am Tisch sind und stellt sich darauf ein. 

In meiner Playgroup hab ich den Ruf als  Person, die viele Karten zieht und gerne unter dem Radar fliegt. Ich habe diesen Ruf, weil es meinem Spielstil entspricht. Ich versuche oft, wenig auf mein Board zu committen und kein Ziel für Removal meiner Gegner*innen zu bieten. Doch das bedeutet auch, dass Menschen, mit denen ich häufiger spiele, mich trotzdem nicht aus den Augen verlieren. Selbst wenn es bei mir manchmal nicht so gut läuft. Ich bleibe trotzdem auf dem Radar, weil die Vergangenheit gezeigt hat, dass ich nicht viel Board-State brauche, um gefährlich zu sein.

Das Problem an Equipments ist außerdem, dass es häufig mit Voltron Strategien Hand in Hand geht. Gerade bei Commandern wie Bruenor Battlehammer bietet es sich an, alles Equipment auf Brunor zu packen und Leute raus zu boxen. Das ist keine übermäßig starke Strategie, weil man recht lange braucht, bis der ganze Tisch an Voltron Damage gestorben ist. Und sie lässt sich ziemlich leicht abwehren. Man braucht entweder frühe Blocker oder einen Removal-Spell. Voltron ist also eine absolut faire und valide Strategie an Mid-Power Tischen.

Allerdings ist es eine Strategie, die für eine Person recht früh gefährlich wird. Deshalb ist es ganz natürlich, dass sich die Menschen in einer Playgroup vor allem auf diese frühe Gefahr einstellen. Denn auch wenn man damit schnell nur eine Person raushauen kann, ist es am Anfang des Spiels nicht ersichtlich, wer diese Person ist. Daher ist es besser, Antworten offen zu haben und lieber mit noch einem Mulligan nach einer Antwort zu suchen.

Warum erzähle ich das alles? Weil ich denke, dass hier ein Teil der Frustration aus der Geschichte liegt. Gerade wenn man sehr häufig eine Strategie wie Equipment spielt, wird sich die Gruppe eher früher als später darauf einstellen. Genauso, wie der Graveyard Hate deutlich prominenter auftreten würde, wenn jemand immer mit ihrem Friedhof spielt. Das ist natürlich kein besonders großer Trost für die Person, auf die die Gruppe sich einstellt, aber vielleicht hilft es beim Verständnis.

Ich kann sehr gut nachvollziehen, dass es frustrierend ist, wenn man nie gewinnt. In Commander sind die Siege ja sowieso recht rar gesät. Doch wenn man nicht einmal auf die 25 % kommt, die man statistisch erwarten kann, dann ist das ärgerlich. Doch es kann nicht die Lösung sein, dass man ein Deck baut, das komplett außerhalb des Power Levels der Gruppe liegt. Denn ich würde der Person aus der Geschichte zustimmen, dass das Koll Deck nicht unbedingt ein Equipment Deck ist. Du hast sogar geschrieben, dass das Combo-Potential des Commanders lange der Grund war, warum du ihn nicht gebaut hast. Es liest sich für mich so, als hättest du ziemlich genau gewusst, was du für ein Deck gebaut hast.

Fazit

Es tut mir Leid zu sagen, aber in dieser Geschichte bist du für mich der Volrath. Es ist eine Sache aus Versehen ein Deck zu bauen, das stärker ist als du gedacht hast. Doch die Geschichte liest sich für mich so, als hättest du bewusst ein super schnelles Combo-Deck gebaut. Es ging von Anfang an darum, deine Freunde zu besiegen, auch wenn das Deck von außen einen Equipment-Anstrich hat. Du hast jetzt nicht explizit gesagt, auf welchem Powerlevel deine Gruppe normalerweise unterwegs ist, aber Zug 3 ist schon ziemlich früh um ein Spiel zu beenden.

Doch das ist nicht der einzige Grund, der mir in dieser Geschichte starke Vorath-Vibes vermittelt. Du hast dein Deck als Überraschung verkauft, was natürlich erstmal alles heißen kann. In deinem Fall war die Überraschung, wie früh das Deck gewinnt. Ich persönlich wäre schon im Gespräch vor dem Spiel ein wenig skeptisch geworden, wenn jemand von einer Überraschung spricht und dann nicht näher ins Detail gehen will. Wäre ich in diesem Pod gewesen und hätte ich dich nicht so gut gekannt, hätte ich nicht gegen das Deck spielen wollen. In einer festen Playgroup ist es natürlich was anderes, denn da würde ich der Person mit der “Überraschung” Vorschuss-Vertrauen entgegenbringen. Dieses Vertrauen haben dir die Leute in deiner Gruppe ebenfalls entgegengebracht. Und ich kann verstehen, dass sie nicht begeistert waren, als sie gesehen haben, wofür du es benutzt hast.

Ich glaube, dass ihr als Playgroup das Gespräch, dass ihr am Ende der Geschichte geführt habt, gleich am Anfang setzten solltet. Da ist noch niemand salzig und es ist durchaus legitim aus deiner Sicht anzusprechen, wie du dich fühlst, wenn deine Freunde Farewell spielen. Vielleicht ist ihnen nicht bewusst, was das bei dir auslöst und wie wenig Spaß du hast, wenn du kein Spiel gewinnst. Das soll natürlich nicht heißen, dass sie dir Siege schenken sollen, aber mitunter wird dadurch die Wahrnehmung der Gruppe noch einmal geschärft. Und vielleicht solltest du, auch wenn du Equipment Decks liebst, deine Deck Auswahl etwas diverser aufstellen. Wenn du deine Strategien etwas durch rotierst, kann deine Gruppe sich nicht so leicht auf dich einstellen. 

Ich hoffe, dass ihr für eure Gruppe eine gute Lösung findet. Sich komplett außerhalb des Power Levels der Gruppe zu begeben, um einfache Siege einzufahren, ist auf jeden Fall nicht der richtige Weg. Und das ist ja, was die Gruppe auch gespiegelt hat. Außerdem gilt für mich der Spruch “Ehrlich währt am längsten”. Darum würde ich das Gerede von “Überraschung” einfach sein lassen.

Fall ihr nun auch Lust bekommen habt, mir eure Geschichte zu schicken, könnt ihr das sehr gerne machen. Ihr findet mich auf Instagram, Twitter, und über Discord unter EDHlove. Vielen Dank fürs Lesen und wie hättet ihr diese Geschichte bewertet?

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