Ich habe mir in letzter Zeit sehr viele Gedanken um Commander gemacht. Dabei geht es nicht nur um neue Decks und neue Karten, sondern vor allem um die Brackets, speziell Bracket 2. Es ist das Bracket, in dem ich mich am wohlsten fühle, das mir aber auch die meisten Kopfschmerzen bereitet. Wer auf dem Herumkommandiert Discord unterwegs ist, kann nachlesen, wie viele Diskussionen wir über einzelne Karten und über das Bracket im Allgemeinen geführt haben. Dabei kristallisieren sich immer mehr zwei Gruppen heraus, die sich schon vor Einführung der Brackets nicht Grün waren. Denn es geht wieder um Sizzle and Steak.
Wo kommt es her?
Sizzle and Steak ist ein Konzept, von dem ich zum ersten mal im Commander Sphere Podcast gehört habe. Damals waren die Hosts noch Dan Sheehan und Rachel Weeks. Rachel dürfte den Menschen, die sich etwas intensiver mit Commander auseinandersetzen, ein Begriff sein. Sie ist mittlerweile Host des Commanderzone Podcast und Mitglied des Commander Format Panels. Dan Sheehan kennt man vielleicht eher durch sein Buch I’m Not a Wolf oder durch seine Video Essays unter dem Namen Pie Break. Doch zurück zum Thema.
In ihrem gemeinsamen Podcast haben Dan und Rachel auch über das Problem “Power Level” geredet. Das war im Jahr 2022, also lange bevor es Brackets in Commander gab. Dort kam die Idee auf, dass es in Commander einfach unterschiedliche Spieler*innen Typen gibt. Diejenigen, die gerne optimal spielen und sich freuen, dass sie Teil eines interaktiven Spiels sind. Und diejenigen, die vor allem zeigen wollen, was sie für ein tolles und interessantes Deck gebaut haben. Sie haben diese beiden Gruppen Sizzleund Steak genannt.
2023 hat Rachel ihren neuen Job bei der Command Zone angenommen und aus der Commander Sphere wurde Pie Break. Dan hat sich mehr auf sehr schön aufgearbeitete Video Essays verlegt und auch dem Konzept Sizzle and Steak ein eigenes Video gewidmet. Dort greift er seine Gedanken aus dem Podcast noch einmal auf und führt das ganze weiter aus. Ich kann das Video sehr empfehlen, doch leider kann ich es nicht mehr finden. Doch Sizzle and Steak ist ein Konzept, das vor den Brackets entstanden ist. Was hat das also mit uns und unserer Commander-Welt zu tun? Vielleicht nichts, vielleicht alles, aber darauf werde ich gleich eingehen.
Pre-Game-Gespräche
Seitdem es die Brackets gibt, sind meine Pre-Game-Gespräche kürzer geworden. Und das ist nicht positiv gemeint. Ich habe den Eindruck, dass sich viele Menschen darauf beschränken, das Bracket ihres Decks zu nennen und dann ist es gut. Wir sind trotz dieses großartigen neuen Tools wieder da angekommen, wo wir vor den Brackets gewesen sind, nur dass sich die Zahlen geändert haben. Dabei haben die Brackets ohne eine gewisse Einordnung so gut wie keine Aussagekraft. Ich kann lediglich mit ziemlicher Sicherheit sagen, dass ich in einem Bracket 2 Deck keine Game Changer zu erwarten habe. Doch das sind eben nicht alle interessanten Informationen.
Viele Gespräche bei Herumkommandiert drehen sich um die Einordnung einzelner Karten in Brackets. Das ist natürlich nicht super sinnvoll, weil eine Karte in der Regel nicht im luftleeren Raum steht, sondern immer im Kontext eines Decks zu bewerten ist. Und dadurch entscheidet sich auch, welche Karte für welches Bracket angemessen ist. Es herrscht bei einigen Menschen einfach Unsicherheit, was von einem Bracket 2 Deck zu erwarten ist. Wenn ich diese Fragen stelle, dann häufig, weil ich das Gefühl hatte, dass mein Deck “zu stark” gewesen ist. Und daher stelle ich die Frage, ob bestimmte Karten mein Deck in seine Sphäre gehoben haben, die für Bracket 2 nicht mehr angemessen ist.
Doch es sind in der Regel nicht die Karten, die das Problem bei solchen Diskrepanzen sind. Denn der Rahmen, was in Bracket 2 gespielt werden darf und was nicht, ist ja ziemlich klar vorgegeben: Keine Game Changer, kein Mass Land Denial und Spiele sollten nicht vor Zug 8 enden. Doch das ist ein Rahmen, der ein sehr großes Feld umspannt. Die Möglichkeiten sind so bunt und vielfältig, dass es in meinen Augen einfach mehr braucht als eine Zahl. Doch da sind wir wieder an demselben Punkt, an dem wir vor den Brackets waren. Wie lässt sich ein Pre-Game-Gespräch führen, dass den Rahmen etwas enger steckt und in Spieler*innen die gleichen Erwartungen weckt? Ich glaube, es ist wieder Zeit, dass wir über Sizzle and Steakreden.
Sizzle vs Steak
Ich hab es oben schon grob angerissen, aber ich denke, es ist Zeit, dass ich erzähle, was Sizzle and Steak für mich bedeutet. Denn wo ich bei den Brackets die größten “Probleme” sehe, ist nicht der Deckbau. Die Richtlinien dafür sind ziemlich klar und werden von den meisten Menschen im Groben zumindest verstanden. “Bad Actors” einmal ausgenommen schaffen es viele Leute, Decks auf einem ähnlichen Power Level zu bauen. Doch wo kommen dann die gefühlten und tatsächlichen Unterschiede im Gameplay her? Das liegt an der Art und Weise, wie Menschen ihre Commander Decks spielen.
Sizzle ganz wörtlich übersetzt, heißt „brutzeln“. Es ist die Vorfreude auf das, was da auf dem Grill oder in der Pfanne vor sich hin brutzelt. Es geht um den Weg, die Vorbereitung und das eigentliche Kochen an sich. Die Freude am Prozess ist es, was eine Sizzle Person dazu bewegt, die Mühe auf sich zu nehmen. Und weil es noch mehr Spaß macht und die Vorfreude noch größer macht, lädt man sich Menschen ein, mit denen man kocht. Sizzle Personen lieben den sozialen Aspekt an ihrer Tätigkeit und zeigen sehr gerne, wie versiert sie in dem sind, was sie tun. Wenn das Essen am Ende schmeckt, ist es wunderbar. Doch das ist nicht die Hauptsache.
Eine Sizzle Person legt im Gameplay Wert darauf, dass alle Personen am Tisch die Chance bekommen, ihr Deck zu präsentieren. Ja,man trifft sich, um Magic und Commander zu spielen, doch es ist egal, wer am Ende gewinnt. Sizzle Spieler*innen haben im Kopf, dass man in Commander eine 25% Chance hat ein Spiel zu gewinnen und sie sind komplett fein damit. Weil es nicht darum geht, wer gewinnt oder verliert, sondern um das Spiel an sich. “Spiele ich den Board Wipe oder nicht” ist eine Frage, bei deren Antwort mehr berücksichtigt wird als “erhöhe ich damit meine Chance zu gewinnen”.
Man schaut auf seine Mitspieler*innen nicht nur als Gegner*innen, sondern eben auch als Personen, mit denen man ein Erlebnis haben möchte. Die Decks sind natürlich in der Lage zu gewinnen, doch manchmal werden bestimmte Aktionen wie Removal oder Board Wipes nicht gespielt. Einfach weil man schon zu viel an diesem Abend gewonnen hat. Oder weil das Spiel schon gewonnen wurde, weil man seine coole Combo oder Synergie zeigen konnte. Man lässt die Bühne einer anderen Person, damit sie zeigen kann, was in ihrem Deck steckt. Denn alle Spieler*innen haben viel Arbeit, Zeit und Geld in ihre Decks gesteckt. Da ist es nur fair, wenn auch alle zeigen können, was sie sich bei ihren Decks gedacht haben.
Einer Steak Person ist der Weg wesentlich weniger wichtig als das Ziel. Ihr geht es darum, dass das Ergebnis am Ende stimmt. Das Steak muss “medium rare” sein und das Spiel muss gewonnen werden. Erst dann ist man richtig zufrieden mit sich und der Welt. Das bedeutet nicht, dass man Steak Spieler*innen schlechte Verlierer*inenn sind. Sie legen einfach ihre Prioritäten während des Spiels auf ein Ziel und dieses Ziel ist ger Sieg. Sie spielen effizienten Removal und insgesamt viel Interaktion. Und bei ihren Entscheidungen haben sie das gesamte Board im Blick und spielen auch in Zug 10 einen Board Wipe, wenn es die eigenen Chancen zu gewinnen erhöht.
Steak Spieler*innen fragen sich nicht: “Was wäre das lustige Play?”. Sie überlegen, was das optimale Play ist und wie sie die Karten und Ressourcen, die ihnen zur Verfügung stehen, am effizientesten einsetzen. Threat Assasment ist für sie ein großes Thema und sie versuchen Logik regieren zu lassen. Dabei erwarten sie auch, dass alle Spieler*innen am Tisch dasselbe tun. Warum auch nicht? Wir spielen hier schließlich ein Spiel, in dem es darum geht zu gewinnen. Wenn man nicht gewinnen will, warum spielt man dann überhaupt Commander?
Schaut man sich diese beiden Archetypen an, fällt es nicht schwer zu verstehen, warum Sizzle und Steak Spieler*innen Probleme miteinander haben können. Rachel und Dan haben eine Metapher benutzt, die ich sehr passend finde. Sizzle ist wie Dressur-Reiten und Steak wie ein Pferderennen. In beiden Fällen kommen Pferde vor und in beiden Fällen gibt es Reiter*innen. Doch wenn eine Rennreiter*in bei einem Dressur-Turnier mitmacht, dann ist sie zwar als Erste fertig mit ihrer Kür, bekommt aber dafür keine Punkte. Und auf der anderen Seite wird eine Dressurreiter*in bei einem Rennen als letztes ins Ziel kommen, auch wenn es dabei die perfekte Form hat.
Kann man jetzt sagen, welche Reiter*in die Bessere ist? Nein, weil die Prioritäten einfach anders sind. Kann eine Dressur-Reiter*in auch eine gute Rennreiter*in sein, wenn sie sich Mühe gibt? Natürlich kann sie das. Doch das bedeutet nicht, dass sie sich dabei wohl fühlt. Zwischendrin ist es sicher eine nette Abwechslung, aber es gab ja gute Gründe, warum sie sich ursprünglich für Dressurreiten entschieden hat. Dasselbe gilt natürlich auch für die Rennreiter*in. Doch man muss, bevor der Wettkampf losgeht, wissen, worauf man sich einlässt. Einfach, damit man nicht mittendrin erfährt, dass man doch ein Rennen reitet.
Back to the Roots
Ich bin ein großer Fan der Brackets. Ich glaube, dass es noch nie so einfach war, die richtigen Runden für unsere Decks zu finden. Doch ich glaube, dass wir noch ein bisschen mehr brauchen, um die Pre-Game-Diskussion wieder auf ein brauchbares Level zu bringen. Denn die Brackets beschränken sich komplett auf den Deckbau und die Decks, nicht aber auf die Spieler*in. Und damit lassen wir sehr viele Informationen unter den Tisch fallen, die im Spiel zu Reibereien führen können.
Ich bilde mir nicht ein, dass Sizzle and Steak alle Probleme lösen kann, die wir aktuell in Commander haben. Das liegt zum einen daran, dass meine Reichweite begrenzt ist. Und zum anderen denke ich, dass die Probleme in Commander aktuell ziemlich klein sind. Doch ich hoffe, dass ich damit den Lesenden dieses Artikels einen Anstoß geben konnte, Denn nach wie vor ist die Pre-Game-Diskussion das mächtigste Werkzeug, das wir haben. Und ich hoffe, dass es wieder ausführlicher geführt wird. Vielleicht mit Hilfe von Sizzle and Steak.
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