Alle Jahre wieder versuche ich, mehr Aggressivität in meinen Command-Spiel-Stil zu bringen. Ich hatte (manche sagen “habe”) die Tendenz Decks zu bauen, die eher reaktiv als proaktiv sind. Das entspricht sehr viel mehr meinem Naturell, aber ich versuche in Commander regelmäßig, mich aus meiner Komfortzone zu bewegen. Darum habe ich Mitte letzten Jahres beschlossen, ein neues Deck zu bauen. Es sollte farblos sein und es sollte Aggro sein. Damit fiel die Wahl ganz natürlich auf Graaz, Unstoppable Juggernaut

Warum Graaz?

Ich höre viele Podcasts in meiner Freizeit, die sich fast alle um Magic und Commander drehen. Dadurch behalte ich einen guten Überblick über das Format und bekomme Inspirationen, die ich ansonsten nicht bekommen hätte. Einer dieser Podcasts heißt „Shivam and Wheeler love Magic” und gehört zu meinen Lieblingen. Er besteht aus Shivam Bhatt und Benjamin Wheeler, die jede Folge ein anderes Set besprechen und ich kann ihn gar nicht genug empfehlen. Vor allem Ben Wheeler ist ein großartiger Deckbauer und hat mich schon zu einigen Decks inspiriert.

So auch zu meinen Graaz Deck. Ich spiele schon seit sehr langer Zeit Magic. So lange, dass ich noch den originalen Juggernaut in Boostern geöffnet habe. Die Karte hat sehr viele Reprints gesehen, weil sie in vielen Spieler*innen sehr viel Nostalgie auslöst. Und für die 90er, in denen alle Kreaturen furchtbar waren, war der Juggernaut keine schlechte Karte. Außerdem hat sie durch ihren Text dafür gesorgt, dass Combat stattgefunden hat. Was zu dieser Zeit nicht selbstverständlich war. Als Hommage an diese großartige Karte hat Wheeler auch ein Graaz Deck gebaut und mich dazu gebracht, auch darüber nachzudenken.

Ich habe vorher noch nie ein farbloses Deck gebaut. Die meisten farblosen Commander haben mich überhaupt nicht angelacht, weil sie entweder OG Karn waren, oder einer der Eldrazi Titanen. WotC hat erst in den letzten Jahren damit angefangen, interessante farblose Commander zu drucken und Graaz hat in meinen Augen den Anfang gemacht. Ich habe vorher nie drüber nachgedacht, bis Matze von Commander Amateur mich mit der Nase drauf gestoßen hat: Graaz ist ein Overrun in der Command Zone und damit in meinen Augen ein perfekter Aggro Commander. 

Ich habe also meine Bulk-Bins durchwühlt nach Karten, die farblos sind und die ich schon immer in einem Deck spielen wollte. Über die Stats der Kreaturen habe ich mir dabei keine so großen Gedanken gemacht. Denn egal was kommt, Graaz macht aus all meinen Kreaturen Juggernauts mit Power und Thoughness 5/3. Was den Ansatz von Wheeler in meinen Augen etwas unintuitiv macht. Also habe ich, statt alle Juggernauts aus Magics Geschichte in ein Deck zu packen, nach Karten gesucht, die Token machen. Myr Battlesphere war eine der MVP Karten schon in den ersten Drafts des Deck. Doch irgendwie wollte das Deck nicht so, wie ich es mir vorgestellt habe. Eine Sache hat noch gefehlt

Modern Horizons 3

Mein Graaz Deck ist eins meiner älteren Decks, auch wenn ich mich nicht mehr daran erinnern kann, wann genau ich es gebaut habe. Auf jeden Fall im Jahr 2024, denn wie man in Class of 2025 nachlesen kann, hat das Deck den Jahreswechsel überlebt. Wenn man Moxfield glauben darf, habe ich das Deck am 31.07.2024 erstellt, doch das heißt nicht, dass es das Deck vorher nicht gab. Ich baue meine Decks in der Regel analog und wenn ich auf ein Event wie das Commandfest in Frankfurt fahre, stelle ich sie online. Einfach für den Fall, dass Menschen meine Liste anschauen wollen. Doch der Fakt, dass ich das Deck mit nach Frankfurt nehmen wollte zeigt ja, dass die Liste mittlerweile funktioniert hat. Und das hat mit Modern Horizons 3 zu tun.

MH3 ist am 15.06.2024 erschienen und hat das Modern Format auf den Kopf gestellt. Wie auch die beiden Modern Horizons davor wurde diesem Eternal Format damit eine Rotation aufgezwungen, die auch an Commander nicht komplett spurlos vorbei gegangen ist. Vor allem nicht, weil zu diesem Set Commander Decks gedruckt worden sind. Und sowohl in den Commander Decks als auch im Hauptset haben Eldrazi und farblose Spells eine Rolle gespielt. Es sind einige unglaublich starke Karten gedruckt worden, die Graaz für mich von einem Meme zu einem validen Deck gemacht haben.

Allen voran der Glaring Fleshraker und Echoes of Eternity haben für mich das Ruder herumgerissen. Der Fleshraker macht einfach alles, was das Deck machen möchte. Er verteilt Schaden, er macht mir Token und er rampt mich. Und das Echoes verwandelt das Deck zu einem Value Pile, gegen den es sich nur sehr schwer ankommen lässt. Dazu kommt Kozilek’s Command, dass mir Instant Speed und eine Mana Sink gibt und der Null Elemental Blast, der mir schon öfter den Hintern gerettet hat. Niemand erwartet die Spanische Inquisition oder einen farblosen Counterspell. Und es gibt noch ein paar weitere Karten, die in MH3 Commander einen Reprint bekommen haben und damit für mich erschwinglich wurden. Allen voran habe ich endlich einen einseitigen Board Wipe mit All is Dust.

Ohne dieses Set hätte ich Graaz wahrscheinlich nicht so lange behalten, wie ich es jetzt habe. In den ersten Versionen hatte  ich das Gefühl, dass ich viel zu sehr von meinem Commander abhänge, um überhaupt irgendwas reißen zu können. Das Deck war ziemlich langsam und hatte sehr wenig Möglichkeiten meine Gegner*innen zu überraschen. Es war im Prinzip immer “Bau ein Board, spiel Graaz und hoff auf das Beste”. Durch die ganzen neuen Karten hat das Deck auch ohne den Commander eine gewisse Schlagkraft und Konsistenz, die vorher einfach nicht gegeben war. Also danke MH 3, dass ich mein janky Graaz Deck spielen kann. Schade um Modern ist es allerdings schon…

Das Deck heute

Meine Decks sind nie fertig, also sieht die aktuelle Version von Graaz anders aus als die erste. Was sich allerdings nicht verändert hat, ist die Zahl der Länder. Graaz kostet acht Mana und ich habe ein wenig Ramp im Deck. Doch nicht so viel, wie es in den meisten anderen farblosen Decks üblich ist. Darum brauche ich viele Länder, damit ich meine Land Drops nicht verpasse. Doch der Vorteil an farblosen Decks ist, dass man jede Menge Utility Lands spielen kann.

Murders at Karlov Manor war kein besonders beliebtes Set, aber es hat die Survival-Lands eingeführt. Das sind Länder, die die Basic Land Types haben, getappt ins Spiel kommen und dann survailen. Diese Länder sind super stark in vielen Decks, haben aber den Nachteil, dass sie getappt ins Spiel kommen. In Graaz spiele ich drei Länder, die ebenfalls surveilen, aber ungetappt ins Spiel kommen. So hab ich ein wenig Card Selection in einem Deck, dass mit Card Draw nun wahrlich nicht gesegnet ist. Und die Länder bringen mir absolut keinen Nachteil, weil ich sowieso keine Farben brauche. Ich spiele in diesem Deck 39 Utility Lands und eine Wastes. Für den Fall, dass ich einen Path to Exil abbekomme.

Ansonsten habe ich einige Karten über die Zeit ausgetauscht, aber vom Prinzip ist das Deck gleich geblieben. Es geht noch immer darum, dass Board mit Kreaturen vollzu- und dann meine Gegner*innen umzuhauen. Doch das Explosions-Potenzial ist deutlich gestiegen. Das liegt vor allem daran, dass ich Karten wie Forsaken Monument und Ultima, Origin of Oblivion spiele. Auf beiden Karten steht eine Menge drauf, doch mich interessiert vor allem, dass sie meine Länder für zusätzliches Mana tappen lassen. Die erfüllen in diesem Deck die Rolle, die in meinen anderen Decks Karten wie Caged Sun und Gauntlet of Power erfüllen. Doch um die Karten optimal nutzen zu können, ist es eben wichtig, dass ich meine Land Drops nicht verpasse.

Die größten Probleme habe ich weiterhin mit meinem Card Draw. Das Deck ist sehr gut darin, eine große Board-Präsenz aufzubauen. Doch das bedeutet meistens auch, dass ich keine Karten mehr auf der Hand habe. Deshalb ist glaube ich eine der besten Karten in diesem und vielen anderen farblosen Decks die Mystic Forge. Farblose Spells direkt von meiner Bibliothek zu spielen ist ein unglaublich mächtiger Effekt. In der Regel sorgt die Forge dafür, dass ich mir weniger Sorgen um den nächsten Board Wipe machen muss. Und das sorgt schon für sehr viel mehr Spielspaß auf meiner Seite.

Doch wenn ich ehrlich bin, mangelt es eigentlich nicht an Spielspaß mit dem Deck. Es ist vom Plan her ziemlich simpel, doch der Weg zum Ziel ist nicht immer geradlinig. Und darum mag ich das Deck. Es kann komplett ausrasten und in den letzten Spielen hatte ich zwischenzeitlich das Gefühl, ein Storm Deck zu spielen. Aber es gibt auch Spiele, in denen ich einfach all mein Mana in die Retrofitter Foundry gepumpt habe. So lange Graaz in der Command Zone liegt, bin ich nie komplett aus dem Spiel, weil mein Board für 8 Mana sehr gefährlich werden kann. Aber das wissen auch alle meine Gegner*innen und können sich entsprechend vorbereiten.

Und diese Transparenz ist es, die ich so schätze an dem Deck. Was auch ein Grund ist, warum ich es mit auf jede Convention nehme. Es ist einfach zu spielen, für alle einfach zu verstehen und gibt Karten ein Zuhause, die vorher keins hatten. Und es nimmt mir die Entscheidung ab, mit welchen Kreaturen ich angreifen möchte. Denn das Motto der Juggernauts ist “Can’t Stop, won’t Stop!”. Und das schon seit über 30 Jahren.

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